Angedacht

Mon, 20 Jun 2022 09:06:47 +0000 von Anne Mika

© Anne Mika
Engel. Sie haben blonde Locken, rote Bäckchen, und federweiche Flügel. Außerdem spielen sie alle mindestens ein Instrument und können mit glockenheller Stimme wunderschön singen. 
So habe ich mir das als Kind zumindest vorgestellt. 
Klar, denn so sahen sie nun einmal aus, die Figuren, die meine Eltern zur Weihnachtszeit aus den vom Dachboden geholten Kisten auspackten. 
Einmal der Engel sein dürfen. Das war auch der große Traum eines jeden Mädchens aus meinem Heimatdorf beim alljährlichen Krippenspiel. Die Rolle war sogar beliebter als die der Maria. Das Kostüm war einfach schöner. Besonders die federweichen Flügel. 
Die weitere Bibellektüre und das Theologiestudium haben mich dann rasch gelehrt, dass die holden blondgelockten Lichtgestalten wenn überhaupt jedoch nur eine winzig kleine Gruppe der sogenannten „himmlischen Heerscharen“ ausmachen. 
Heerscharen, das sagt es ja schon. Engel sind oft Krieger. Bewaffnet mit flammenden Schwertern. Sie bekämpfen das Böse. Bewachen das Tor zum Paradies und stellen sicher, dass niemand unbefugt hineinkommt. Eine Haarfarbe wird nie erwähnt. Flügel, manchmal, aber nicht unbedingt. 
Engel. Das heißt übersetzt: Bote. Jemand, der im Auftrag Gottes handelt oder spricht. 
Wie ein Engel erscheint, kommt ganz auf den Auftrag an, den er/sie ausführt. 
Dazu ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer: 

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. 
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, 
oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel. 

Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel. 
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, 
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel. 

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel. 
Dem Kranken hat er das Bett gemacht, 
und hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht, der Engel. 

Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel. 
Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein - 
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. 

Engel. Sie können meine Haarfarbe haben oder deine. Ihre Gesichter wechseln. Flügel sind bei ihrer Arbeit mehr im Weg als nützlich. Manchmal leihen sie sich meine Stimme oder deine. 
Wir sind dazu berufen Gottes Boten zu sein. Unser Auftrag: Jesus nachfolgen. Das heißt Gott zu lieben von ganzen Herzen und unseren Nächsten, wie uns selbst. 
Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10,16a) 
So drückt es Jesus aus im Bibelvers für diese Woche. 
Er erklärt uns zu seinen Boten. Damit wir Engel werden. Lichtgestalten für jene, die sich im Finstern verirrt haben. Unermüdliche Kämpfer, für jene, die zu erschöpft sind um noch selbst für sich einzutreten. 
Anders als beim Krippenspiel darf jede und jeder in diese Rolle schlüpfen. Und wenn du selber einmal nicht weiterweißt: Halte die Augen offen. Sie sind auch für dich da, die Engel. 
Amen. 


Es wünscht euch eine gesegnete Woche eure Pfarrerin Anne Mika.